Comicfiguren anonym: Grendel von Matt Wagner

Manche Comicfiguren gibt es bereits seit Ewigkeiten – und doch fristen sie ein Nischendasein: Neben einer loyalen Fanbasis sind sie weit weniger bekannt als berühmte Superhelden und werden auch selten von neuen Lesern entdeckt. Um dies zu ändern, werden in dieser neuen Aicomic-Reihe einmal hervorragende Figuren, Serien und Konzepte vorgestellt, die bislang vielleicht an vielen Comicfans zu unrecht vorbei gegangen sind. Den Anfang macht Matt Wagners „Grendel“.

Mit „Grendel“ hat Matt Wagner eine jener Comicfiguren geschaffen, die sich nicht auf wenige Worte reduzieren lässt. Denn es handelt sich nicht um eine klassische Superhelden-Story, sondern um eine Jahrhunderte umspannende „Studie der Natur von Aggression“, wie der Zeichner und Autor sein Epos selbst umschreibt. Grendel ist weniger ein einzelner Charakter, als vielmehr eine Art spiritueller Entität, die Besitz von verschiedenen Personen (und später ganzen Personengruppen) ergreift, sie voran- und oftmals letztlich in den Tod treibt. Bitterböse Geschichten, die mit dem Medium Comic und seinen Erzählstrukturen spielen und die man sich nicht entgehen lassen sollte, zumal die gesamten bisherigen Grendel-Storys als Sammelbände erschienen sind.

Zeichner Matt Wagner beim Stumptown Comics Festival 2007 - auf dem Plakat im Hintergrund links Grendel und rechts Argent © ocean yamaha/Flickr

Matt Wagners Grendel: Antiheld und König der Unterwelt

Hunter Rose: Mit dem Schriftsteller Hunter Rose begann 1982 der Kreis des Bösen. Mit ursprünglich lediglich einer Kurzgeschichte und drei Heften präsentierte Wagner einen getriebenen jungen Mann, der tagsüber als Bestseller-Autor Erfolge feierte, nächtens jedoch als maskierter Verbrecherkönig Grendel (benannt nach dem mythischen Monster aus der „Beowulf“ Sage) die Unterwelt kontrollierte. Als Hommage an klassische Bösewichte in Hauptrollen à la „Fantomas“ angelegt, starb der erste Grendel nach einem Kampf mit seiner Erznemesis, dem Werwolf Argent. In späteren Jahren wurden von verschiedenen Zeichnern weitere Hunter Rose Storys nachgelegt, die allesamt von Matt Wagner geschrieben wurden. Hunter Rose Comicbände: „Comico Primer“, „Devil by the Deed“, „Batman/Grendel I“, „Black, White and Red“, „Red, White and Black“, „Behold the Devil“, „The Grendel Archives“

Christine Spar: Die Enkelin von Hunter Rose, Christine Spar, ist selbst Schriftstellerin und mit einem Buch über ihren Großvater berühmt geworden. Abgestoßen und fasziniert gleichzeitig von Hunters nächtlichem Treiben, muss sie selbst Grendels Maske aufsetzen, um ihren Sohn aus den Klauen eines mörderischen Kabuki-Schauspielers zu befreien, der sich als augenfressender Vampir entpuppt. Jahre nach der ursprünglichen Comicreihe entstand die Serie um Christine Spar ohne Wagner als Zeichner, dafür aber mit den Pander-Brothers, die einen eigenartigen 80er-Stil in die Geschichten brachten. Christine Spar Comicbände: „Devil’s Legacy“

Brian Li Sung: Durch den Tod seiner geliebten Christine wahnsinnig geworden, versucht Brian Li Sung ihr mit Hilfe einer selbstgebastelten Grendel-Maske nah zu sein und sie zu rächen. Eine todtraurige Geschichte um den Umgang mit Verlust und Obsession, gezeichnet von Bernie Mireault. Brian Li Sung Comicbände: „The Devil Inside“

Grendel-Präsenz: Nachdem Brian Li Sung vom Polizisten Wiggins erschossen wurde, änderte Matt Wagner das Konzept seiner Serie und überlegte sich, wie die Grendel-Präsenz auch ohne direkten Wirt wirken könnte. Zunächst ließ er Wiggins einige Anekdoten erzählen („Devil Tales“) und beobachtete dann, wie in den folgenden Jahrzehnten der Name „Grendel“ von der Gesellschaft stellvertrend für das Böse an sich wurde (diese Geschichten sind bislang noch nicht nachgedruckt worden, die Hefte 20 bis 23 der Grendel-Serie können aber über Internet-Auktionen bestellt werden). Schließlich wird „Grendel“ im 26sten Jahrhundert zu einer Designerdroge, die für eine kurze Zeit unwahrscheinlich stark und böse macht.

Eppy Thatcher: Nach einem Atomkrieg hat sich die Welt verändert, weite Teile Amerikas sind unbewohnbar oder von Zombies heimgesucht. Die katholische Kirche unter der Leitung von Papst Innocent XLII. will in Colorado einen gewaltigen Turm errichten, für dessen Bau vor allem die Bevölkerung bluten muss. Der geistig verwirrte Fabrikarbeiter Eppy Thatcher beschließt, gegen die Kirche als Grendel verkleidet anzutreten – doch der wahre Gegner des Vorhabens, das in Wirklichkeit die Sonne vernichten soll, damit Vampire frei auf der Erde wandeln können, ist der Unternehmer Orion Assante. Ursprünglich wenig an Politik interessiert, stellt er fest, dass er mit listigen Mitteln den Papst stürzen muss, will er die Menschheit retten. John K. Snyder III. und Jay Geldhof teilten sich die Zeichneraufgabe im Wechsel zu der ebenso zwischen Politik und Action mäandernden Geschichte. Eppy Thatcher Comicbände: „God and the Devil“

Orion Assante: Als Orion I. hat sich Assante an die Spitze des Staates gestellt und eine Armee von loyalen Kriegern um sich versammelt. Sie selbst nennen sich Grendels, Orion wird zum Grendel-Khan – doch noch gibt es für ihn keine Ruhe. Neben der Entführung seiner Frau, den intriganten Machenschaften seiner engsten Verbündeten und dem fortwährenden Kampf gegen die in Las Vegas eingeschlossenen Vampire droht ein kalter Krieg zu eskalieren. Tim Sale hat die für neue Leser schwer zugängliche, zu einem Großteil mit Prosa und Illustrationen erzählte Geschichte gezeichnet, an deren Ende der Grendel Kult die ganze Welt umspannt. Grendel-Khan Comicbände: „Devil’s Reign“

Grendel Prime: Jahre später hat Orion I. mit sich selbst einen Sohn gezeigt, Jupiter, der von seiner Regentin von seiner Thronbesteigung abgehalten wird. Als ein von Orion erbauter Cyborg namens Grendel Prime erscheint, entwickelt sich eine epische Verfolgungsjagd durch die postapokalyptische Welt, bei der Matt Wagner wieder einmal selbst zur Feder griff. Spätere Geschichten mit Grendel Prime behandeln dessen Versuch, den Geist von Hunter Rose wiederzubeleben, und ein weiteres Treffen mit dem dunklen Ritter. Grendel Prime Comicbände: „War Child“, „Past Prime“,“Batman/Grendel II“,  „Devil’s Quest“

Grendel Tales: Auch die Publikationsgeschichte der Grendel-Storys ist nicht ganz uninteressant. Ursprünglich bei Comico veröffentlicht, konnte Matt Wagner seine eigene Figur nach dem Konkurs des Verlages nicht mitnehmen und musste so sein Konzept für die Veröffentlichung bei Dark Horse ein weiteres Mal ändern. Herausgekommen sind die „Grendel Tales“, bei denen verschiedene Autoren und Zeichner kurze Serien rund um die Garde von Orion I. behandelten. Hierbei gibt es einige hervorragende Vertreter (der für den Kroatienkrieg von 1991 allegorische Band „Devils and Deaths“ von Darko Macan and Edvin Biukovic), grafisch herausragende Werke („Four Devils, One Hell“ – einer der wenigen auch auf Deutsch erschienen Bände von James Robinson und Teddy Kristiansen), aber auch wenig spannende Kurzgeschichten, die sich beispielsweise im Westerngenre anlegten. Weitere Grendel Tales: „Devil’s Hammer“, „The Devil in Our Midst“, „Homecoming“, „Devil’s Choices“, „The Devil May Care“, „The Devil’s Apprentice“

Comicfiguren, die zum Nachdenken anregen

Neben den bereits aufgeführten Grendel Geschichten von Matt Wagner, müssen auch vier weitere Erwähnung finden: „Devil’s Child“ ist wohl die verstörendste Comicstory überhaupt, behandelt sie doch physische und psychologische Folgen von Missbrauch und seelischer Grausamkeit anhand von Hunter Roses Ziehtochter Stacy – geschrieben wurde sie von Chefredakteurin Diana Schutz, gezeichnet ein weiteres Mal von Tim Sale. „Grendel Cycle“ fast die gesamte Story von Hunter bis Orion zusammen und bietet dabei ein interessantes Art-Deco-Design, sowie eine Alphabet-Tafel für ABC-Schützen – natürlich in morbider Grendel-Natur. Und die lange schon vergriffene Story „Silverback“ von William Messner-Loebs und John Peck erzählt die Geschichte des unsterblichen Werwolfs Argent. Schlußendlich wurde mit „The Art of Matt Wagner’s Grendel“ ein Illustrationsband veröffentlicht, der Skizzen, Produktionsprozesse und Poster zusammenfasst und die Serie zu ihrem derzeitigen Ende führt. Eine Neuerscheinung ist momentan nicht angekündigt.

Für deutsche Comicleser ist es unter Umständen nicht ganz einfach, sämtliche Bücher und Hefte zu bekommen (und in nur wenigen Ausnahmen überhaupt auf Deutsch), die seit nunmehr fast dreißig Jahren erschienen sind. Dennoch gehört Matt Wagners Grendel zu jenen Comicfiguren, mit denen man sich im eigenen Interesse einmal beschäftigen sollte – auf zeichnerischer Ebene genauso, wie auf der erzählerischen – und mittlerweile sind bei Dark Horse eine Vielzahl von Hardcover und Softcover Sammelbänden erschienen. „Grendel“ könnte für Leser von Neil Gaimans „Sandman“, Mike Mignolas „Hellboy“ und Alan Moores „League of Extraordinary Gentlemen“ geeignet sein.

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