Zeichenkurs, Lektion 8: Perspektivische Verkürzung

Comicfiguren bewegen sich zumeist in einem Raum, der durch Objekte und Hintergründe bestimmt wird. Da ist es logisch, dass sich auch die Figuren selbst auf diese beziehen müssen – perspektivische Verkürzungen helfen dabei dem Auge, die Charaktere in ihre Umgebung einzuordnen und sie in der dritten Dimension wahrzunehmen.

Perspektivische Verkürzung © Daniel Gramsch/Aicomic

Die perspektivische Verkürzung greift an einen der wesentlichsten Punkte beim Zeichnen: Comics sind ein zweidimensionales Medium, dass dreidimensionale Dinge darstellen will. Da wir flache Striche auf einem flachen Blatt Papier (oder dem Monitor bei Webcomics) so arrangieren müssen, dass der Betrachter diese a) als Objekte wiedererkennt und b) diese auch noch räumlich wahrnimmt, ist es von zwingender Notwendigkeit, dass wir uns als Comiczeichner mit der korrekten Konstruktion von Perspektiven auseinander setzen. Näheres zu Räumen und Hintergründen wird es zu einem späteren Zeitpunkt geben, heute werden wir uns damit beschäftigen, wie sich Figuren in einer Perspektive verhalten.

optische Täuschung und perspektivische Verkürzung

Perspektivische Verkürzung meint, dass Dinge, die weiter im Vordergrund und näher am Betrachter sind, größer wirken – die dahinter liegenden Dinge kleiner werden, je weiter entfernt sie sind. Bei dem ausgestreckten Arm auf dem Bild oben beispielsweise ist die Hand sehr groß, der Unterarm kleiner und wird nach „hinten“ schmaler. Der Oberarm ist noch kürzer und ebenso die Schulter und der Kopf. Eine solche Perspektive kann man dann je nach gewünschtem Effekt sehr leicht oder extrem gestalten.

Magritte Gemälde © Nad Renrel/Flickr

Im Comic wie in jeder anderen Kunstform, die mit Papier und Stift arbeitet, haben wir ein wesentliches Problem, das wir selten als ein solches verstehen: Auf der Comicseite sieht man keine Figuren, keine Tische, Landschaften, Häuser, etc. Wir sehen Striche, die so positioniert werden, dass wir darin ikonografisch die genannten Objekte erkennen. René Magritte hat dies in seinem Gemälde „Ceci n’est pas une pipe“ hervorragend verdeutlicht, wie Scott McCloud in seinem „Understanding Comics“ anführt. Auf dem Bild sieht man in der Tat keine Pfeife, sondern das Bild einer Pfeife und genau genommen nicht einmal das, sondern Linien, Striche und Farben, die das Gehirn zur erkennbaren Form einer Pfeife verbindet. Hat man dieses Problem erst einmal verinnerlicht, sollte die Theorie der Perspektive ebenso klar werden: Beim Fluchtpunkt etwa sieht man nicht, wie Häuser weiter weg stehen, sondern, wie Linien auf einen Punkt fluchten und so den Eindruck von Entfernung und Dreidimensionalität geben.

Dreidimensionalität durch Perspektiven

Perspektivische Verkürzung © Daniel Gramsch/Aicomic

Genau das Gleiche gilt auch für Figuren, vor allem in Bewegung. Da wir nur in Ausnahmefällen unsere Charaktere frontal und flach darstellen, ist beinahe jede Comiczeichnung in irgendeiner Form von perspektivischen Verkürzungen betroffen. Bei einem Gesicht, dass sich nur halb zu uns wendet, ist das Auge, dass näher an uns ist, größer, das andere kleiner und meistens auch perspektivisch verzerrt. Bei einer Aufsicht verzieht sich der ganze Körper und auch die Positionen der einzelnen Körperteile scheinen sich zu ändern…

… doch ist dies nur scheinbar so. Tatsächlich bleiben die anatomischen Gegebenheiten die gleichen – das „Raster“ auf dem sie sich befinden wird lediglich gebogen. Nehmen wir zum  Beispiel das Gesichtsraster aus Lektion 6: Was hier noch ganz strikt vertikal und horizontal war, wird dann in die entsprechende Richtung elliptisch gebogen, so dass sich Nase, Ohren, Augen und Mund wieder auf den gleichen Linien befinden und das Gesicht weiterhin anhand des Rasters konstruiert werden könnte.

Realismus und Übertreibungen

perspektivische Verkürzung © Daniel Gramsch/Aicomic

Besonders bei dynamischen Bewegungen ist es elementar, sich damit zu beschäftigen, wie das Auge die Abstufungen von Vordergrund zum Hintergrund aufnimmt, aber auch wie die Bewegung an sich funktioniert. Wie so etwas schief gehen kann, sieht man für beide Fälle, wenn man ein Foto durchpaust: Im Fall der perspektivischen Verkürzung ist eine nach vorne gewandte Hand im Comic immer größer, als man es auf einem Foto sehen würde – das Foto nimmt man so hin, wie es ist, beim Comic sieht es ungünstig aus, fehlerhaft, unelegant. Man muss also immer ein bisschen übertreiben, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Eine durchgepauste Bewegung selbst kann sehr steif wirken und muss auch nicht unbedingt die günstigste Position für das Panel, die Geschichte oder die Charakterisierung sein. Deswegen werden wir uns in der nächsten Lektion mit der Wahl des richtigen Moments einer Bewegung beschäftigen, denn als Comiczeichner hat man zwar unendlich viele Möglichkeiten, muss aber dennoch ein Händchen dafür haben, einer Figur nicht nur die richtige räumliche Zuordnung durch die perspektivische Verkürzung zu geben, sondern eben auch ihren Bewegungsvorgang zu bestimmen.

Bis dahin: Viel Spaß beim Zeichnen!

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