Zeichenkurs, Lektion 19: Storytelling

Storytelling könnte der am meisten missachtetste Punkt beim Erstellen eines Comics sein: Eine Vielzahl von Zeichnerinnen und Zeichnern glauben, intuitiv die richtigen Bilder zur richtigen Zeit zu setzen. Dabei liegt genau hier die beste Möglichkeit, die Lesegeschwindigkeit des Lesers und die Zielrichtung des Comics zu kontrollieren – wenn die Künstler sich selbst zu kontrollieren wissen.

Storytelling © Daniel Gramsch/Aicomic

Das Storytelling bedeutet mehr, als nur eine gute Geschichte erzählen. Es heißt vor allem, eine Geschichte gut zu erzählen. Hierzu gehört, den Leser durch die Auswahl der Bilder und der Bildausschnitte von A nach B zu bringen, elementares zu zeigen und wenn nötig, Dinge wegzulassen, um die Spannung zu steigern. Ein tolles Layout nützt nichts, wenn die Bildinhalte wirr sind, die schönsten Bilder nützen nichts, wenn man der Geschichte nicht folgen kann. Als Comiczeichner kann man an jedem Punkt seiner Arbeit, die Geschichte und ihre Präsentation lenken und im Storytelling zeigt sich mehr als in filigranem Linework, realistischer Anatomie oder besonders hübschen Augen/Kostümen/Gesichtsausdrücken oder worauf auch immer Zeichner besonders stolz sind, ob man sein Handwerk beherrscht.

Comictheorie: Storytelling und Gleichzeitigkeit

Auch in diesem Teil unseres Zeichenkurses müssen wir uns kurz der Comictheorie zuwenden. Durch die in Lektion 18 erwähnte Gleichzeitigkeit der auf dem Metapanel dargestellten Panels, haben Comics einen erzählerischen Vorteil, der den Leser direkt mit einbezieht: Zwischen zwei Panels können zwei Sekunden Zeit vergehen oder zwei Millionen Jahre – der Leser erkennt einen Zusammenhang zwischen beiden Bildern. Scott McCloud hat in seinem „Understanding Comics“ (deutsch: „Comics richtig lesen“) zwei sehr gute Beispiele für diesen Effekt gegeben, die ich einfach einmal übernehme, da sie diese Möglichkeit, im Comic zu erzählen, anschaulich und brillant illustrieren.

Kausalkette © Daniel Gramsch/Aicomic (nach Scott McCloud)

Im ersten von Scott McClouds Beispielen sehen wir ein paar Dinosaurier, auf dem nächsten einen Bohrturm. Auf den ersten Blick könnte es hier keinen Zusammenhang geben, doch das Gehirn baut eine Kette auf, die in etwa so funktionieren kann: Dinosaurier – Aussterben – Jahrmillionen später – fossile Brennstoffe – Nutzen für Menschen. Man kann natürlich auch anfangen, die Szene philosophisch zu deuten und über die Vergänglichkeit nachdenken oder darüber, dass alles einen Nutzen hat, selbst wenn man nicht mehr dabei ist, um ihn zu erkennen. Wie dem auch sei, Auge und Hirn arbeiten hier zusammen und stellen zwischen den beiden Bildern, ein bisschen wie bei einer Parallelmontage im Film, eine Kausalkette her. Basierend auf dieser Idee können Comiczeichner gezielt ihre Szenen anlegen.

Blood in the Gutter © Daniel Gramsch/Aicomic (nach Scott McCloud)

Das andere Beispiel aus „Understanding Comics“ zeigt einen Angreifer und sein Opfer auf Bild 1, Bild 2 zeigt eine Stadtansicht und einen Schrei. McCloud nennt dies „blood in the gutter“: Der Leser – nicht der Zeichner – füllt in seinen Gedanken den Steg zwischen den Bildern (den Gutter) mit der Tat aus. Was genau passiert, wird nicht gesehen und allein die Vorstellungskraft der Leser entscheidet darüber, wie der Angriff abläuft, wie heftig und mit welchem letztlichen Ausgang – es sei denn, ein drittes Bild würde das Resultat zeigen. Hiermit kann man aber auch spielen und beispielsweise auf Bild 3 jemanden zeigen, der sich gerade in den Finger schneidet (und deshalb geschrieen hat). Comiczeichner arbeiten also auch hier Hand in Hand mit dem Leser, wenn nicht alles gezeigt, sondern die Fantasie angeregt wird.

Erzählgeschwindigkeit: Bilderanzahl, Bildinhalte und Bildgröße

Mit dieser Theorie im Marschgepäck kann man sich dem nächsten Schritt im Storytelling widmen: Der Erzählgeschwindigkeit. Es liegt im Ermessen der Zeichnerin und des Zeichners, wie schnell eine Geschichte vorangebracht wird und kontrolliert wird dies durch die Anzahl der Bilder, die man für eine Szene verwendet, dem Bildinhalt und auch der Bildgröße.

Bilderanzahl © Daniel Gramsch/Aicomic

Bilderanzahl: Sagen wir einmal, wir zeichnen eine Autoverfolgungsjagd. Wir können nun ein großes Bild über eine ganze Seite zeichnen und dann die Szene sofort beenden oder wir dehnen die Story über mehrere Seiten aus, in vielen großen und kleinen Bildern, die Details zeigen, die Strecke der Jagd, die Reaktionen der Fahrer und Passanten etc – je nachdem, was uns wichtig ist und was Leser von unserem Comic erwarten.

Bildinhalte: Bleiben wir bei der Verfolgungsjagd. Die Bildinhalte sind nicht nur einfach hübsch gezeichnet, sie dienen auch dem Zweck, die Spannung der Jagd zu transportieren. Dreimal hintereinander das gleiche Auto in der gleichen Perspektive ist nicht sonderlich spannend. Fügt man in die Szene aber noch Bilder der Radkappen, der Schweißperlen auf der Stirn des Fahrers, seine Hände am Lenkrad, die Kühlerhaube, die auf den Leser zurast, kurz: wenn man filmischer erzählt, so wird man nicht nur deutlich mehr Bilder erhalten, sondern auch die Spannung steigern.

Bildgröße © Daniel Gramsch/Aicomic

Bildgröße: Das Layout, vor allem, wenn es von der klassischen Aufteilung in sechs oder neun gleichgroße Panels abweicht, ist nicht nur da, um ein Designelement ins Comic zu bringen, auch hiermit kontrolliert man, wie ein Leser die Seite und die Story wahrnimmt. Große Bilder wirken dabei als Markierung von prägnanten Situationen (dem Beginn oder auch dem Klimax einer Story etwa, dem Ende der Verfolgungsjagd oder der Offenbarung eines Bösewichts), die schnell aufgenommen werden und gleichzeitig eine gewisse Wucht hinter sich haben. Viele kleine Bilder hintereinander stellen oftmals einen kurzen Zeitraum dar, besonders, wenn die Bildinhalte ähnlich genug sind, um wie eine direkte Bildfolge zu wirken (Beispiel: jemand entschärft eine Bombe und man sieht jeden einzelnen Handgriff). Werden diese Bilder immer kleiner, so kann man auch den Eindruck erwecken, Zeit würde ablaufen oder sogar schneller vergehen.

Bildausschnitt und Wahl der Perspektive

Wie schon in der Lektion 9 über den Bildausschnitt in Bezug auf die Positionierung seiner Comicfiguren erwähnt, so muss auch beim Storytelling immer darauf geachtet werden, für welche Darstellung einer Szene man sich entscheidet. Welche Perspektive ist angebracht? Welches Einzelbild aus einem Bewegungsdurchlauf sollte gewählt werden? Wann macht man eine Großaufnahme, wann rückt man von seinen Figuren ab?

Bewegungsausschnitt © Daniel Gramsch/Aicomic

Diese Fragen lassen sich nicht kategorisch beantworten, sondern müssen für jedes Comic, für jede Szene und für jede Seite ständig neu gestellt werden. Das Storytelling ist also ein andauernder Prozess und damit sozusagen die Kür beim Comiczeichnen.

Wie verschiedene Erzähltechniken der drei großen Comicstilen, dem amerikanischen Comic, dem franko-belgischen Bande Dessinée und dem japanischen Manga, sowie dem Cartoon funktionieren, sehen wir uns im nächsten Exkurs an, der dann auch den größeren Themenkreis der Story abschließen wird. Anschließend wird der Aicomic-Zeichenkurs dann noch die nicht minder wichtige Disziplin des Letterings behandeln und zeigen, wie man Sprechblasen baut, die richtige Schriftart aussucht und all das im Comic einbindet.

Bis dahin: Viel Spaß beim Zeichnen!

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