Zeichenkurs, Exkurs 6: Erzählstrukturen verschiedener Comicstile

Etablierte Comicstile aus Amerika, Japan, Franreich und Belgien ermöglichen angehenden ZeichnerInnen eine Vielzahl von Erzählstrukturen, die der eigenen Geschichte weiterhelfen können. Der sechste Exkurs des Aicomic-Zeichenkurses stellt sie unter diesen Aspekten einmal vor.

Erzählstruktur © Daniel Gramsch/Aicomic

Jede Zeichnerin und jeder Zeichner hat den eigenen Stil, aber über die persönliche Herangehensweise hinausgehend, kann man vier verschiedene, größere „Schulen“ für Comicstile beschreiben. Das amerikanische Comic Book, die franko-belgischen Bandes Dessinées, die japanischen Manga und die Cartoon-Tradition richten sich alle nach den Storytelling Methoden und doch sind gerade in den Erzählstrukturen Unterschiede zu erkennen.

unterschiedliche Erzählstrukturen

Der Unterschied zwischen diesen Comicstilen liegt nicht im Inhalt oder im Genre – jedes Comic sollte sich inhaltlich von anderen unterscheiden und in jedem Stil kann jedes Genre angegangen werden – und auch nicht im Zeichenstil. Es ist zwar wahr, dass sich in allen vier Stilen bestimmte Merkmale etabliert haben, durch die man sehr schnell erkennen kann, womit man es zu tun hat, aber es ist ebenso wahr, dass sich die Stile gegenseitig befruchten. Ein Umhang sagt genauso wenig etwas über die Herkunft des Comics aus, wie enorm große Augen.

Tatsächlich liegt der Unterschied in der Erzählstruktur: Bildaufteilung, Geschwindigkeit und Umfang sind die Aspekte, durch die sich Comic Books, BDs, Manga und Cartoons von einander abgrenzen. Im einzelnen:

Comicstile im Überblick

klassische Comic Book Struktur © Daniel Gramsch/Aicomic

Comic Books: Die amerikanischen Comics haben, wie alle anderen Vertreter auch, verschiedene Phasen durchgemacht, bis sie sich auf aktuelle Erzählstrukturen eingeschossen haben. Mittlerweile kann man davon ausgehen, dass ein Comicheft etwa 22 bis 24 Seiten hat und selten mehr als 7 Panels pro Seite. Nachdem vor einigen Jahren das Layout kreuz und quer angelegt wurde, hat man sich nun wieder einer etwas klassischeren Bildaufteilung angenommen, bei der vor allem im Klimax oder anderen bedeutsamen Momenten mit Splash-Panels und ähnlichem gearbeitet wird.

Aufgrund des Umfangs ist die Erzählgeschwindigkeit recht hoch, die Wahl der Bildausschnitte oftmals geradezu szenisch: Mit filmischen Worten gesprochen, sind die Bilder zu Szenen zusammengefasst, die ihrerseits in einzelne Einstellung unterteilt sind – das heißt, dass nicht jede Bewegung gezeigt wird, sondern nur die wichtigsten, um die Geschichte (und die Leser) von A nach B zu bringen.

Manga Struktur © Daniel Gramsch/Aicomic

Manga: Die japanischen Vertreter des Comicmediums sind in den meisten Fällen auf viele hundert Seiten angelegt – man lässt sich also Zeit. Und das merkt man auch besonders in der Geschwindigkeit, wenn für eine Szene, die im Comic Book vielleicht 2 Seiten benötigen würden, im Manga gerne zwanzig und mehr Seiten aufgewendet werden. Hier kann man sehr häufig eine fast schon filmische Erzählstruktur erkennen, bei der sehr viel mehr auf den Fluss der Geschichte geachtet wird und weniger auf ikonographische Standbilder.

Die Bildaufteilung ist oft designfreudiger als im heutigen Comic Book, während aber die Storytelling-Aspekte die gleichen bleiben – nur in umgekehrter Lesrichtung: Geht man in westlicher Lesrichtung davon aus, dass ein Bild auf der Seite nach unten rechts zeigen sollte, um zur nächsten Seite zu führen, ist es bei japanischen Comics eben links.

Eine kleine Warnung: Wer normalerweise gewohnt ist, in westlicher Ausrichtung zu lesen und zu schreiben, kann sich beim Mangazeichnen schnell vertun. Wenn die Bildanordnung gemäß japanischer Lesrichtung von rechts nach links vorgenommen wird, müssen auch die Bildinhalte stimmen, gleichzeitig für Europäer aber auch verständlich sein. Ein schönes Beispiel ist immer, wenn Figuren nach links laufen, man die Seite aber von rechts ausgehend betrachtet, die Sprechblase dazu dann aber wieder von links nach rechts liest: Das Auge muss etliche Male hin und her springen und im ungünstigsten Fall sieht es so aus, als würden die Figuren rückwärts laufen…

Bande Dessinée Struktur © Daniel Gramsch/Aicomic

Bandes Dessinées: Die franko-belgischen BDs haben sich in vielen Fällen den amerikanischen Kollegen angepasst, so dass man auch hier verstärkt wenige Bilder pro Seite sieht. Traditioneller Weise aber wurden die Seiten in Alben auf sehr großem Format gezeichnet (beispielsweise zwei A3 Seiten quer für oben und unten), wodurch deutlich mehr Information auf einer Seite untergebracht werden konnte. Bei einer recht strengen Bildaufteilung und einer Seitenzahl von 42 bis 48 Seiten hat sich eine etwas langsamere Erzählstruktur etabliert, bei der versucht wird, im Prinzip die gesamte vorhandene Story in einem Album unterzubringen.

Cartoon Struktur © Daniel Gramsch/Aicomic

Cartoons: Als Sonderfall beim Erzählen im Comic können die Cartoons gelten. Hier gibt es einige unterschiedliche Strömungen, wie Ein-Bild-Cartoons, jenen, die über eine ganze Seite gehen und solche, die in mehreren Reihen erzählen. Die regelmäßigen Zeitungsstrips funktionieren zu einem großen Teil in drei oder vier Bildern, die nebeneinander angeordnet sind und deren Perspektive kaum wechselt. Da die Storys regulär in Einleitung, Erwiderung/Vorlage, Pointe aufgebaut sind und die Cartoons zwar irgendwann einmal gesammelt erscheinen, man aber zunächst davon ausgeht, nur pro Tag einen Beitrag in einer Zeitung zu haben, sind die Erzählstrukturen arg begrenzt. Es kommt eher auf den zündenden Witz an.

Nebenbei erwähnt erzählen Comicstrips, also tägliche und fortlaufende Comicgeschichten in Zeitungen, eher wie Comic Books, wenn hierbei auch mehr auf bestimmte Restriktionen durch die Erzählform geachtet werden muss, als auf Storytelling Momente aus den Heften.

Strukturen und ihre Veröffentlichungsformen

Die Erzählstrukturen sind somit auch ganz massiv der Veröffentlichungsform und -frequenz geschuldet: Ein Manga, das zuerst in kurzen Fortsetzungen in einem Anthologie-Magazin erscheint und erst später in Buchform zusammengefasst wird, hat andere Vorgaben als ein Comic Book, das jeden Monat erscheint und die Leser jeden Monat auch wieder aufs Neue für sich gewinnen muss. Franko-belgische Alben erscheinen bestenfalls einmal im Jahr – da muss die Story größtenteils abgeschlossen sein und beinahe wie ein umfangreicher Film wirken, den die Leser immer wieder sehen wollen, bis der nächste Band herauskommt. Cartoons hingegen müssen jeden Tag einen neuen guten Witz präsentieren, damit sie weiterhin in der Zeitung bleiben.

Die hier dargestellten, typischen Strukturen können natürlich in jedem Einzelfall komplett abweichen, sie können sich erneuern, angleichen, zurück zu den Wurzeln gehen und auch jeder Zeit kombiniert werden. Entscheidet man sich für eine Erzählstruktur, kann man die bereits vorhandenen dem eigenen Ansatz anpassen. Vielleicht entdeckt man ja auch eigene Vorgehensweisen, die die Comicstile geradezu revolutionieren… im Comic ist nie etwas in Stein gemeisselt.

Mit diesem Exkurs schließt der Aicomic-Zeichenkurs den Story-Bereich ab und wird sich ab dem nächsten Mal mit dem Lettering beschäftigen – mit dem Text auf einer Comicseite.

Bis dahin: Viel Spaß beim Zeichnen!

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