Zeichenkurs, Lektion 11: Faltenwurf zeichnen

Den Faltenwurf zeichnen zu können ist eine der wichtigsten Aufgaben, wenn man ein Comic gestaltet. Denn diese Fähigkeit gehört zu den Punkten, die maßgeblich für die authentische und realistische Erscheinung von Comiczeichnungen sind, auch wenn sie vom Leser nur unterschwellig wahrgenommen werden.

Faltenwurf © Daniel Gramsch/Aicomic

Möchte man lernen, den Faltenwurf zeichnen zu können, stößt man häufig auf ein Problem: In Kursen, an den Kunst-Unis, in Skizzenbüchern – überall wird gelehrt, den nackten Körper zu zeichnen. Und während es auch sehr sinnvoll beim zeichnen lernen ist, sich mit der Grundstruktur, der Anatomie und den Muskelstrukturen zu beschäftigen, so bilden wir in den fertigen Comicgeschichten doch 90 Prozent der Zeit bekleidete Personen ab.

Zu wissen, wie Kleidung funktioniert und wie der Körper den Faltenwurf beeinflusst, ist also eine zu Unrecht unterschätzte Disziplin. Daher wird die Lektion 11 unseres Online Zeichenkurses genau an diesem Punkt ansetzen.

Faltenwurf zeichnen: Ankerpunkte und Aktionsrichtung

Die beiden wichtigsten Aspekte beim Faltenwurf zeichnen sind die sogenannten Ankerpunkte und die Aktionsrichtung. Ankerpunkte sind dabei all jene Körperteile, an denen die Kleidung aufsitzt, aufliegt oder gehalten wird. Die Aktionsrichtung ist, wie bei der Bewegungsführung aus der Lektion 10, eben jene Richtung, in der eine Bewegung von einem Körperteil ausgeführt wird und durch die eine Kraft auf die Kleidung und somit die Ankerpunkte ausgeübt wird. Zugfalten und Stauchfalten gehören, neben einigen weiteren Aspekten des Faltenwurfs, zu den deutlichsten Auswirkungen von Ankerpunkten und Aktionsrichtung. Einige Beispiele:

Zugfalten © Daniel Gramsch/Aicomic

Wenn man einen Arm schwingt oder ausstreckt, werden die Ankerpunkte Handgelenk, Ellenbogen und Schulter angesprochen. An diesen Stellen liegt die Kleidung auf oder verformt sich durch die Bewegung entsprechend. Wir können also Zugfalten erkennen, die vor allem im Schulterbereich in Richtung des Ellenbogens verlaufen und ebenso von der Achsel sich zur Hüfte bewegene. Darüber hinaus kann es je nach der Ausführung der Bewegung auch Zugfalten vom Ellenbogen zum Handgelenk geben, der Ärmel wird sich derweil vom Handgelenk entfernen, da der Stoff leicht aufgehalten wird. Weiterhin kann man auch oftmals und je nach Material Rudimente und Echos ehemaliger Stauchfalten sehen.

Aktionsrichtung © Daniel Gramsch/Aicomic

Ein angewinkeltes Bein, beim Hocken beispielsweise, schlägt etliche, verschiedene Falten: Vom Knie als Ankerpunkt läuft die Aktionsrichtung einerseits nach vorne, wodurch die Falten sich vom Oberschenkel zur Hüfte zeigen. Andererseits geht sie auch nach unten und nach hinten – dadurch entstehen Falten über dem Schienbein. Zusätzliche Falten kann man in der Kniekehle erkennen, wenn das Material gestaucht wird, sie bewegen sich in die Richtung der Kniescheibe und nach oben. Ein weiterer Ankerpunkt in der Hocke ist die Hüfte, hier werden wieder Zugfalten sichtbar, sowie Stauchfalten zwischen Oberschenkel und Bauch.

Zugfalten und Stauchfalten

Bewegung © Daniel Gramsch/Aicomic

Zugfalten entstehen an den Ankerpunkten und führen in die Aktionsrichtung, während Stauchfalten dort entstehen, wo das Material sich durch die Bewegung zusammendrückt. Beachtet man diese Gesetzmäßigkeit, leitet sich der Faltenwurf von ganz alleine ab. Denn jede Bewegung führt naturgemäß zu anderen Falten und auch jedes Material, sei es Baumwolle, Jeansstoff, Leder oder das bei Superhelden so beliebte Spandex, wirft Falten, die der Beschaffenheit angemessen sind. So ist zum Beispiel anzunehmen, dass ein Wollpullover weiche, runde Falten werfen wird, ein Anzug eher kantige und straffe – letztlich muss man an dieser Stelle seine Umgebung gut beobachten und wie so oft im Comic abstrahieren lernen.

Stauchfalten © Daniel Gramsch/Aicomic

Doch nicht nur die Ankerpunkte des Körpers selbst werfen Falten – auch die Kleidung kann solche Ankerpunkte haben, die für zusätzliche Falten sorgen: Knöpfe an einem Hemd etwa, ein Gürtel, verschiedene Kragen, Umschläge, Bünde und Reißverschlüsse. Oftmals kreuzen sich diese Falten auch und man muss entscheiden, welcher man den Vorrang gibt. Dies richtet sich oft nach der Stärke der Aktion und nach der Unbeweglichkeit der Ankerpunkte.

Dynamik und Realitätsanspruch durch Faltenwurf

Der Faltenwurf ist ebenso wie die Muskeln ein enorm wichtiger Faktor, an dem Leser – meistens ohne es zu merken – die Qualität der Zeichnerinnen und Zeichner messen. Es mag für Leser zwar nicht genau bestimmbar sein, doch es sind diese subtilen, unbewussten Dinge, die darüber entscheiden, ob die Zeichnungen als realitätsnah oder nachvollziehbar angesehen werden.

Wer sich mehr mit dem Faltenwurf auseinander setzen möchte, sei das Buch „Faltenwurf leichtgemacht“ (englisch: „Dynamic Wrinkles and Drapery“) von Burne Hogarth ans Herz gelegt. Als eines der ausführlichsten und bestbeschriebensten Bücher für Comiczeichner wird sich hier auch mit Gesichtsfalten beschäftigt, bei denen durchaus ähnliche Kräfte wirken können.

Beim nächsten Mal werden wir uns im Aicomic  – Zeichenkurs dann mit der Entstehung einer dynamischen Illustration von der Skizze bis zum fertigen Bild mit all den bisher in den Lektionen vermittelten Inhalten beschäftigen.

Bis dahin, viel Spaß beim zeichnen!

Weiterführende Links

http://burnehogarth.com/

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