Zeichenkurs, Lektion 6: Konstruktion von Kopf und Gesicht

Einen Kopf, beziehungsweise ein Gesicht zu konstruieren ist eine der wichtigsten und mitunter schwersten Aufgaben beim Comiczeichnen. In der sechsten Lektion des Online Zeichenkurses bei Aicomic sehen wir uns an, wie das menschliche Gesicht aufgebaut ist, auf welche Verhältnisse man achten muss und wie man sich bei der Konstruktion helfen kann.

Fertige Kopfkonstruktion © Daniel Gramsch/Aicomic

Punkt, Punkt, Komma, Strich – Scott McCloud stellt bereits in seinem Standardwerk für Comiczeichner „Understanding Comics“ (auf Deutsch unter dem etwas verunglückten Titel „Comics richtig lesen“ veröffentlicht) fest, dass wir Menschen eine ausgesprochen selbstbezogene Spezies sind: In allen runden Dingen, die mindestens zwei Punkte in der Mitte haben, erkennen wir ein Gesicht. Und der Autor hat auch völlig recht, denn neben Steckdosen erwähnt er auch die einfachste und ikonographischste Darstellung des Antlitzes per se – den Smiley. Wenn es aber darum geht, Erkennbarkeiten, Ähnlichkeiten und weiterführende Emotionen darzustellen, muss man bei der Konstruktion von Kopf und Gesicht auf einiges mehr achten.

Aufbau und Verhältnisse im Gesicht

In der Lektion 5 hatten wir schon gesehen, dass die Körperverhältnisse im Ganzen, aber auch in den einzelnen Abschnitten, recht klar definiert werden können. Beim Aufbau und den Verhältnissen des Gesichts ist es nicht viel anders, denn auch hier können wir einiges sehen, dass bei jedem Menschen so auftritt – die Abstände der Gesichtsmerkmale und ihre Ausarbeitung sind dann in der Realität das, was unsere Individualität ausmacht, beim Zeichnen können somit einerseits verschiedene Charaktere dargestellt und andererseits der persönliche Zeichenstil unterstrichen werden.

Abstände und Gesichtsverhältnisse im Überblick:

Gesichtsraster © Daniel Gramsch/Aicomic

  • der Kopf ist eher oval denn kreisrund
  • die Augen liegen fast mittig
  • der Mund liegt im unteren Drittel, von Kinn und Nasenspitze etwa gleichweit entfernt
  • die Mundwinkel befinden sich auf einer Linie mit den Pupillen
  • die Ohrläppchen befinden sich auf einer Ebene mit der Nasenspitze
  • die oberen Ränder der Ohren befinden sich auf einer Ebene mit den Augenbrauen
  • die Distanz zwischen Mund und Augen ist in etwa die gleiche, wie zwischen Augen und Haaransatz
  • die Wangenknochen befinden sich auf einer Ebene mit den Mundwinkeln
  • das Kinn liegt auf der gleichen Linie wie die Mundwinkel und die Pupillen

Wenn man diese Merkmale miteinander verbindet, entsteht eine Art Raster, nach dem man sich beim Zeichnen eines Gesichts richten kann.

Ein Gesicht zeichnen: Die einzelnen Schritte

Schritt 1: Die Form finden

Schritt 1: Formfindung © Daniel Gramsch/Aicomic

Wie bei den meisten zu zeichnenden Objekten, muss man auch beim Kopf erst einmal die Form finden, die er später haben soll. Man sollte sich nicht mit Details aufhalten oder versuchen, schon jetzt eine „schöne“ Linie zu bekommen: Wenn man mit dem Bleistift kreisende Bewegungen macht, entsteht ein Oval aus vielen Linien – aus denen sucht man sich die heraus, die am besten zum gewollten Endergebnis passt (keine Bange: Man wird nur sehr selten von den anderen Linien abgelenkt, denn das Auge ist sehr selektiv, wenn sich das Gehirn erst einmal mit sich selbst auf die Form geeinigt hat).

Schritt 2: Die Mitte definieren

Schritt 2: die Mitte © Daniel Gramsch/Aicomic

Schritt 2: alternative Mitte © Daniel Gramsch/Aicomic

Es ist zwar wahr, dass sich die Augen grob in der Mitte des Kopfes befinden, aber einerseits nehmen wir das selten so wahr. Ein Grund hierfür ist zum einen die Perspektive, denn wir sehen den meisten Menschen nicht besonders oft frontal ins Gesicht, und zum anderen sind es die Haare  – je nachdem, welche Frisur man hat, kann der Kopf höher, schmaler, breiter oder flacher wirken, entsprechend verschiebt sich unsere Wahrnehmung der Länge des unteren Gesichtsfeldes und der Position der Augen. Nichtsdestotrotz machen die meisten ZeichnerInnen ein kleines Kreuz in ein Gesicht, um die Mitte zu bestimmen und sich daran orientieren zu können. Hier ist das Kreuz wiederum frontal und gerade, die Kopfhaltung und die Aufsicht bestimmt allerdings, ob der horizontale Strich etwas gekrümmt ist und wo sich der vertikale Strich tatsächlich befindet.

Schritt 3: Platzierung der Gesichtsmerkmale

Schritt 3: Gesichtsmerkmale © Daniel Gramsch/Aicomic

Im dritten Schritt machen wir durch die Gesichtsmerkmale aus dem Kuller mit Kreuz ein Gesicht: Wenn man sich an das oben beschriebene Raster hält, fällt es nicht schwer, die Positionen von Augen, Nase, Mund, Kinn, Ohren etc. zu finden. Spätestens jetzt wird deutlich, wie wichtig der eigene und persönliche Stil der Zeichnerin, des Zeichners ist, denn man kann nicht erwarten, dass durch das Befolgen der Regeln auch ein brillantes Comicwerk entsteht: Erst durch die Ausarbeitung gemäß der eigenen Sichtweise und durch den eigenen Strich, wird aus der anatomisch korrekten Anordnung wirklich ein Gesicht.

Anatomische Abweichungen

Um den Figuren Charakter zu geben, kann man sich von den klaren Definitionen entfernen: eine längere Nase, ein schmaler Mund, kleine Ohren – all dies kann eine Comicfigur ausmachen. Man muss nur darauf achten, dass die Verhältnisse auch hierbei stimmig sind, und genau hier kommen wir wieder auf „Punkt, Punkt, Komma, Strich“ zurück:

Oftmals fällt es den Betrachtern nicht auf, wenn einige Teile des Gesichts nicht zu hundert Prozent stimmen – doch bei der Höhe der Augen und der Position und Breite des Mundes hört der Spaß oft auf (solange die Abweichung nicht durch die Comicfigur selbst oder durch den Stil bedingt ist). Hängt ein Auge weiter unten als das andere oder ist der Mund an einer völlig falschen Stelle, können auch ungeübte Betrachter die Fehler sehen. Wenn sie sie auch nicht immer direkt benennen können, so empfinden sie die Zeichnung doch als falsch.

Damit dies nicht geschieht wird es im nächsten Teil beim Aicomic – Zeichenkurs um den Aufbau der anderen Körperteile gehen, genauer um die Arme und Hände, den Oberkörper und die Beine.

Bis dahin: Viel Spaß beim Zeichnen!

Eine Antwort zu “Zeichenkurs, Lektion 6: Konstruktion von Kopf und Gesicht”

  1. B.Ilona Wulfila sagt:

    Hallo Daniel, heute habe ich wieder viel gelernt. Ich freue
    mich schon auf die nächste Lektion.

    B.Ilona