Zeichenkurs, Lektion 5: Anatomie des menschlichen Körpers

Wer Menschen zeichnet kommt nicht an der Anatomie vorbei. Das ist auch im Comic nicht anders: Erst, wenn man die passenden Proportionen des menschlichen Körpers korrekt zeichnen kann, werden die Arbeiten glaubhaft. Sich eingehend und umfangreich mit anatomischen Grundlagen auseinander zu setzen gehört also zu einer der wichtigsten Aufgaben von Comiczeichnern.

Der vitruvianische Mensch: Goldener Schnitt © Daniel Gramsch (nach Leonardo da Vinci)/Aicomic

Wann immer man menschliche Wesen, ob Frau oder Mann, darstellt, wird man entdecken, dass man bestimmte Proportionen einhalten muss, damit eine Zeichnung gelungen aussieht. Selbst ein Strichmännchen hält sich, wenn auch in stark vereinfachter Form, an diese Längenverhältnisse des Körpers. Auch wenn Cartoons und abstrakte Comics von den Idealvorstellungen der Anatomie abweichen, müssen sie den Grundlagen folgen, damit dargestellte Menschen auch als solche erkennbar sind. Erst wenn man weiß, wie der Körper funktioniert, kann man damit beginnen, die Regeln zu abstrahieren. Ein guter Anfang ist hierbei der Goldene Schnitt.

Anatomie: Grundlage beim Zeichnen von Menschen

Als Leonardo da Vinci um 1487 seine Zeichnung vom vitruvianischen Menschen anfertigte, richtete er sich nach mehreren Einsichten: Einerseits stellte Vitruvius (der Namensgeber der Zeichnung) idealisierte Verhältnisse der Körperteile auf, andererseits brachte da Vinci diese Verhältnisse in Einklang mit der Natur und den Grundsätzen des Universums. Die Zeichnung stellt also mehr einen philosophischen, sozialen und humanistischen Diskurs dar, denn endgültige Proportionen. Doch kann man anhand ihrer eine Menge darüber lernen, wie Körperteile zueinander stehen und wie sie sich in Bewegung und Perspektive verhalten.

In den nächsten Lektionen beim Aicomic – Zeichenkurs werden wir auf die einzelnen Abschnitte (Kopf, Arme, Beine, Torso) eingehen, doch hier sollen schon einmal die wichtigsten Verhältnisse angesprochen werden.

Proportionen des menschlichen Körpers

Man kann den Körper in acht Längen einteilen, die sich nach der Größe des Kopfes richten:

  1. Vom Scheitel bis zum Kinn
  2. Vom Kinn bis zu den Brustwarzen
  3. Von den Brustwarzen bis zum Bauchnabel
  4. Vom Bauchnabel bis zum Schritt
  5. Vom Schritt zur Mitte der Oberschenkel
  6. Von der Mitte der Oberschenkel zu den Knien
  7. Von den Knien zur Mitte des Schienbeins
  8. Vom Schienbein zu den Sohlen

Alleine mit dieser Einteilung (häufig auch in einem Dreischritt gemacht: Kopf – 3 x Kopfgröße im Torso – 4 x Kopfgröße in den Beinen) lässt sich eine Figur konstruieren, die den regulären Proportionen des menschlichen Körpers entspricht. Darüber hinaus gibt es noch weitere wichtige Faktoren, an denen sich die Längenverhältnisse messen lassen:

Skizze © Daniel Gramsch/Aicomic

  • Das Schambein befindet sich etwa in der Mitte des Körpers
  • Die Arme reichen bis zur Mitte der Oberschenkel
  • Die Ellenbogen sind auf der Höhe der Hüfte
  • Die Spannweite der Arme ist genauso lang wie der gesamte Körper

Ähnliche Verhältnismäßigkeiten lassen sich auch für die Gesichtszüge festhalten, für die Finger und für weitere Körperteile, wie wir in den nächsten Lektionen sehen werden. Da es sich im Comic immer um dynamische Anatomie handelt, also Körper in Bewegung, ist es auch notwendig, sich anzusehen, wie die Verhältnisse funktionieren, wenn Muskeln gedehnt werden und andere erschlaffen (zum Beispiel bei einer stehenden Figur mit dem sogenannten Standbein und Spielbein oder bei einer Vorwärtsbewegung) oder auch bei perspektivischen Verzerrungen, denn unser Ziel als Zeichner muss auch sein, dreidimensionale Körper zweidimensional so darzustellen, dass sie überzeugen.

Körperverhältnisse in Wirkung und Realität

Zum Abschluss dieser Einführung in die Anatomie noch ein Wort zur Wirkung von Zeichnungen im Gegensatz zur Realität von Körpern: Ein Comic lebt auch immer zu einem guten Stück von der Übertreibung. Man sollte sich nicht scheuen, Dinge stärker zu betonen, um den gewünschten Effekt zu erreichen, ebenso wie man sich nicht zurückhalten sollte, aus ästhetischen Gründen auch vielleicht unliebsame Dinge zu zeichnen. Viele ZeichnerInnen wollen partout ihre Figuren nicht „hässlich“ wirken lassen und verzichten auf verschiedenes (ein Beispiel wären dicke Backen beim Luftanhalten, die fälschlicherweise weggelassen werden, damit die formschönen Gesichtszüge nicht „verhunzt“ werden).

Und noch ein kleiner Tipp: An der Volkshochschule und bei anderen Stellen werden regelmäßig Aktzeichenkurse angeboten, bei denen man menschliche Körper studieren kann und alle Facetten kennenlernt – jede Zeichnerin und jeder Zeichner sollte sich unbedingt solche Modelle suchen, um ein Gespür für Anatomie zu bekommen, denn nur idealisierte Comiccharaktere oder das Abzeichnen vom Foto können auf lange Sicht nicht weiterbringen.

Beim nächsten Mal werden wir dann mit den anatomischen Merkmalen des Kopfes fortfahren und auch Beispiel zur zeichnerischen Konstruktion eines Gesichts sehen.

Bis dahin: Viel Spaß beim Zeichnen!

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