Zeichenkurs, Lektion 12: Comics tuschen – Techniken beim Inken

Das Inken ist nicht nur ein traditioneller Arbeitsschritt beim Comicszeichnen, sondern auch sehr wichtig, um den Zeichnungen Tiefe zu geben, sie auszuarbeiten, lesbarer zu machen und weitere Arbeiten zu erleichtern. Wie bei den anderen Schritten im Comic gibt es auch beim Tuschen viele verschiedene Techniken und Stile.

Inks © Daniel Gramsch/Aicomic

Jeder Zeichner hat seinen eigenen Stil, jeder Kolorist seine eigene Farbpalette. Und jeder Inker geht an die Tusche anders als die Kollegenschaft heran. Mit Tusche über die Bleistiftzeichnungen zu gehen, hat nichts mit „Nachmalen“ oder „Durchpausen“ zu tun – hierbei wird vielmehr der Zeichnung eine neue Dimension hinzu gefügt. Licht und Schatten werden definiert, Dreidimensionalität wird ausgearbeitet und die Figuren bekommen Gewicht. Idealerweise bleibt der Stil des Zeichners erhalten und wird durch den Stil des Inkers ergänzt, ohne ihn zu erdrücken. In der zwölften Lektion des Online-Zeichenkurses sollen einmal verschiedene Ansätze vorgestellt und einige Techniken erklärt werden.

Comics tuschen: ein wichtiger Arbeitsschritt

Inker haben häufig das Problem, im Schatten der Zeichner zu stehen (man erinnere sich nur an einige Szenen aus dem Kevin-Smith-Film „Chasing Amy“, in dem die von Jason Lee gespielte Figur den einen oder anderen Wutanfall bekommt, wenn man ihn des Durchpausens beschuldigt). Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein guter Inker sich nicht durch seine Arbeit in den Vordergrund spielt. Dabei sollte sich ein Inker immer bewusst sein, welchen wesentlichen Beitrag er oder sie zur Fertigstellung des Comics leistet.

Wie bei den Bleistiftzeichnungen auch kann man niemandem den eigenen Stil beibringen, wohl aber müssen auch diejenigen, die Comics tuschen, auf einige Merkmale bei ihrer Arbeit achten: Was dem Penciller die Anatomie, ist dem Inker die Technik. Schlechte Inks erkennt man daher entweder am überlagernden Stil des Inkers oder an der falschen Wahl von Technik und Herangehensweise.

Material beim Inken

Material zum Tuschen © Daniel Gramsch/Aicomic

Prinzipiell kann man beim Inken alle Materialien verwenden, mit denen man tiefschwarze Linien ziehen kann. Das kann vom Fineliner über den Edding bis zu Feder und Pinsel reichen. Tatsächlich arbeiten die meisten Inker mit den letzteren beiden Utensilien, denn mit ihnen lassen sich bestimmte Effekte leichter und schneller gestalten. Anderen liegen Scriptol und Feder nicht und sie greifen lieber zu Faserstiften, die andere Eindrücke möglich machen. Man kann letztlich nur durch das Ausprobieren herausfinden, welches Material beim Inken am Besten geeignet ist, wobei dies auch immer abhängig von den Bleistiftzeichnungen und dem angestrebten Ergebnis ist.

Ink Utensilien © Daniel Gramsch/Aicomic

Fineliner: Faserstifte in verschiedenen Größen haben mehrere Vorteile. Man kann durch den Wechsel zwischen den Stiften schnell die unterschiedlichen Ebenen darstellen (Beispiel: 0,7 für die Outlines, 0,1 für den filigranen Innenteil, 0,3 für gröbere Linien (Haare oder Falten etwa) und 0,5 für die Panelborder). Die Zeichnung kann damit sehr genau wirken, aber auch undynamisch. Benutzt man nur wenige Größen, so kann die Comicseite leicht und schwebend erscheinen, aber vielleicht auch zu zweidimensional.

Feder: Die Wahl der richtigen Feder kann sich als schwierig gestalten. Manche sind zu fein, manche zu breit, andere kratzen zu sehr und weitere verschmieren schnell. Hat man aber eine gute Feder gefunden, so kann man damit fast alle Linien nachziehen und bearbeiten, denn durch die Variation des Drucks sind feine wie auch dicke Striche möglich. Man muss bei der Feder aber auch auf das Papier achten, denn nicht jede Beschaffenheit eignet sich gleich gut (eine persönliche Empfehlung: 80 bis 100 Gramm glattes Kopierpapier macht sich für mich ganz gut beim Inken, wenn auch nicht beim Zeichnen).

Pinsel: Mit dem Pinsel kann man sehr genau, sehr schnell und sehr gut die Schwarzflächen füllen – Linien ziehen ist hingegen schwierig und bedarf einer Menge Übung und Geschick. Denn ansonsten verlaufen die Striche miteinander und alles sieht ein bisschen zu grobschlächtig aus. Der Pinsel kann aber auch als bewusst gewähltes Material sehr gut eingesetzt werden.

Computer: Mit einem Zeichentablett und dem passenden Programm kann man sehr gut auch am Computer inken. Die Herangehensweisen bleiben dabei die gleichen, man muss nur etwas aufpassen, dass die fertigen, virtuellen Bilder nicht zu technisch wirken.

Techniken beim Inken

Inks mit Fineliner © Daniel Gramsch/Aicomic

Für welches Material man sich auch entscheidet, beim Inken selbst sollte man auf folgende Aspekte achten:

Vordergrund/Hintergrund: Die Trennung dessen, was der Leser als weiter vorne und weiter hinten wahrnehmen soll, wird durch die Linienstärke und die Ausarbeitung mitbestimmt – eine gute Möglichkeit für den Inker bieten an dieser Stelle unterschiedliche Strichstärken (dick vorne, dünn hinten)

Licht/Schatten: Mehr noch als bei der Bleistiftzeichnung wird beim Inken entschieden, von wo das Licht kommt. Auch hier haben wir wieder die Möglichkeit, durch variierende Strichstärken die Verhältnisse zu definieren – bei der Feder und auch beim Pinsel lässt sich sowas durch leichten oder stärkeren Druck schnell und in einem Strich darstellen.

Blacks: Die sogenannten Blacks sind neben den vollständigen Schwarzflächen auch jene Stellen, die der dreidimensionalen Wahrnehmung dienlich sind. Ein Beispiel: Ist der Strich, der einen Teil des Unterarms (oder andere Körperteile) darstellt an einem Ende dicker als am anderen, nimmt das Auge dies nicht mehr nur als Strich, sondern auch als Form wahr. Auch dieser Effekt hat etwas mit dem Licht/Schatten-Verhältnis zu tun.

Schraffuren/Schwarzflächen: Die Entscheidung, dunkle Stellen zu schraffieren oder sie komplett einzuschwärzen, muss immer für die aktuelle Zeichnung neu getroffen werden und beide können Vorteile wie Nachteile haben. Schraffuren können leicht und diffus wirken, aber auch dreckig und unmotiviert. Schwarzflächen können der Zeichnung Gewicht geben und Vorder- von Hintergrund trennen, sie können aber auch das Bild erschlagen und den dreidimensionalen Eindruck zunichte machen, wenn sie falsch eingesetzt werden.

Sauberkeit: Es ist absolut entscheidend, dass ein Inker sauber arbeitet – tut er es nicht, wird der ganze Sinn und Zweck der Veranstaltung aus dem Arbeitsschritt genommen. Man sollte also Spritzer, Flecken, Schmierereien und Abdrücke tunlichst vermeiden. Kommt es dennoch dazu, muss man versuchen, diese in die Zeichnung einzubauen, wenn es geht, oder eben die gesamte Seite von vorne beginnen.

Lichttisch © Daniel Gramsch/Aicomic

Stil des Zeichners/Stil des Inkers: Eine gesunde Mischung aus beidem ist ein Idealwert, der nur sehr selten erreicht wird. Trotzdem sollte man genau danach streben – es nützt niemandem etwas, wenn der Inker es besser machen will als der Zeichner und beispielsweise sehr filigrane Striche mit einem dicken Pinsel bearbeitet oder sehr schwungvoll über sehr kantige Zeichnungen geht. Der Inker ist damit in der Position, permanent die Bleistiftzeichnungen nicht nur erkennen, sondern auch richtig interpretieren zu müssen.

Interpretation: Nicht jeder Zeichner arbeitet klar und deutlich, oftmals sind die Comicseiten auch ein Meer an Linien. Der Tuscher muss nun herausfinden, welche der Striche gemeint sind und nach welchen er sich in Auwahl, Herangehensweise und Technik richten soll. Das funktioniert besser, wenn man sich gut kennt, ansonsten hat dies eine Menge mit Trial-and-Error zu tun und die bearbeiteten Seiten werden oft hin- und hergereicht, bis man sich auf eine Version einigen kann. Dies ist einer der vielen Punkte, warum ein Lichttisch eine gute Idee für Inker ist: Wenn man nicht direkt auf die Bleistiftzeichnungen tuscht, sondern sich ein neues Blatt nimmt, kann man immer wieder vom Original arbeiten.

Fehler ausgleichen: Es kann immer vorkommen, dass sich Fehler in die Bleistiftzeichnungen einschleichen – der Inker muss auch die Anatomie im Auge behalten und Entscheidungen treffen, die der ursprünglichen Zeichnung vielleicht zuwider laufen und entsprechend Verbesserungen vornehmen. Man sollte dies aber lieber in Absprache mit dem Zeichner angehen.

Selber inken oder Arbeitsteilung?

Ai-Girl Inks © Daniel Gramsch/Aicomic

Sobald man sich daran setzt, selbst Comics zeichnen zu wollen, wird sich auch die Frage stellen, ob man alles alleine macht oder sich Partner sucht. Traditioneller Weise werden amerikanische Comics von vielen Personen bearbeitet, da durch die Arbeitsteilung auch eine schnellere Veröffentlichung gewährleistet wird. In Japan sitzen teilweise ganze Studios an einem telefonbuchdicken Manga-Band, während die franko-belgischen Comics auf der grafischen Ebene oft aus einer Hand stammen.

In Deutschland hat sich letzteres aus mehreren Gründen ebenfalls durchgesetzt. Neben natürlich ganz persönlichen Gründen, erscheinen mir zwei allgemeingültig: Zum einen, da die Bezahlung oft nicht für mehrere Personen reicht und zum anderen, weil die meisten lieber an ihren eigenen Geschichten arbeiten, als sich der Fertigstellung der Storys anderer zu widmen. Gemeinsames Arbeiten kann aber auch einen enormen Spaß machen und zudem die eigene Arbeit oder den eigenen Stil vorantreiben.

Man kann sich auch durchaus entscheiden, seine Zeichnungen nicht zu inken. Auch hier lassen sich wieder Vorteile wie Nachteile feststellen, die einerseits mit dem eigenen Geschmack zu tun haben, aber auch mit einer gewissen Dynamik, die durch die ungebundenen Bleistiftzeichnungen erreicht wird. Wenn man sich hierfür entscheidet, sollte man aber a) sehr genaue Pencils anfertigen und b) diese ziemlich hart scannen, damit trotz fehlender Inks die Dichte auf der Comicseite erhalten bleibt und die Bleistiftstriche nicht zu blass im Gegensatz zur Farbe wirken.

Dieser werden wir uns in der nächsten Lektion widmen und ein bisschen etwas über Farblehre, Farbgestaltung und Farbpaletten erfahren.

Bis dahin: Viel Spaß beim Zeichnen!

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