Zeichenkurs, Lektion 24: Eine Comicseite erstellen – Teil 1

Um eine Comicseite erstellen zu können, muss man sich mit den einzelnen Arbeitsschritten beschäftigt haben und sie nun gezielt umsetzen. Was in den Lektionen des Aicomic-Zeichenkurses teilweise vielleicht noch abstrakt wirkte, wird nun einem ganz genauen Sinn und Zweck zugeführt.

Ai Girl Logo © Daniel Gramsch/Aicomic

Figurenentwicklung, Skript,  Scribbles, Vorzeichnungen, Pencils, Inks, Coloration, Text – Nachdem wir uns im Aicomic-Zeichenkurs in den vergangenen Wochen mit allen Aspekten der Arbeit an einem Comic beschäftigt haben, inklusive Anatomie, Dynamik, Perspektive, Licht und Schatten, werden wir nun das Gelernte anwenden und eine Comicseite erstellen. Wie bei jedem der einzelnen Aspekte, gibt es auch bei der Gesamtheit der Arbeitsschritte viele sehr persönliche Herangehensweisen – der Einfachheit halber erläutere ich, wie ich selbst normalerweise an die Arbeit gehe.

Erstellen einer Comicseite: erste Schritte

Im Idealfall bekommt man als Comiczeichner einen Auftrag mit bestimmten Vorgaben, an die man sich bei der Arbeit halten muss. Dies kann in Form eines Themas sein („wir brauchen eine Science Fiction Story“), bestimmten oder auch konkreten Figuren („mach was mit XYZ“ oder „eine Geschichte mit drei Teenagern, die einen Schatz finden. Und einem Hund“) oder eines fertigen Skripts („Dingenskirchen hat die Story geschrieben, wir wollen, dass Du sie umsetzt“). Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man sein Comic auf eigene Faust entwickelt und hierfür braucht man gute Ideen. Zur Erläuterung des Vorgehens beim Erstellen einer Comicseite, nehmen wir wieder die Seite aus unserer fiktiven Story „Ai Girl: Angriff der K’roells“.

Ai Girl Skizze © Daniel Gramsch/Aicomic

Figurenentwicklung: Sobald man eine Idee für eine Geschichte hat, beginnt man damit, sie zu bevölkern. Wer sind Hauptcharaktere, Antagonisten und Nebenfiguren? Das Skizzenbuch sollte überfließen mit Zeichnungen seiner Personen in allen erdenklichen Posen. Ich habe festgestellt, dass es für die spätere Arbeit enorm hilfreich ist, wenn man die Charaktere nicht permanent in typischer Heldenpose skizziert, sondern ihnen alltägliche Situationen gibt, in denen sie wirken können: Auf diese Weise lernt man seine Figuren besser kennen und verschafft ihnen ein Eigenleben, das nicht von hunderttausendmal gesehenen Klischees bestimmt wird.

Skript: Die Idee wird nun zu Papier gebracht. Viele Comicautoren schreiben zunächst eine Art Exposé, also eine kurze Zusammenfassung von einer halben bis ganzen Seite. Man kann auch schon die Charakterzüge in Personenbeschreibungen festhalten, sollte aber aufpassen, dass diese auch wirklich in der Geschichte auftauchen und für sie relevant sind. Für welche Form von Comicscript man sich entscheidet, liegt vollständig beim Autor. Ich schreibe normalerweise die Szenenbeschreibungen recht kurz, da ich die Bilder größtenteils im Kopf habe. Die Dialoge schreibe ich komplett, wobei ich sie recht häufig kürzen muss, wenn es später ans Lettern geht. Hier noch einmal das Skript für unsere „Ai Girl“-Seite:

Seite 17

Panel 1: Brücke der “Drawing Potential”. Ai Girl am Motion Scanner. Sie entdeckt den Bruch in der Aussenhülle, durch den die K’roells in das Schiff eindringen. Sie ist entsprechend angespannt.

Caption
AUF DER BRÜCKE…

Ai Girl
CAPTAIN! DIE INSTRUMENTE ZEIGEN EINEN BRUCH IN DER AUSSENHÜLLE!

Panel 2: Captain Ai auf der gegenüber liegenden Seite der Brücke.

Captain Ai
WAS?! WIE IST DAS MÖGLICH?

Panel 3: Er reagiert sofort und gibt Befehle aus, die den Angriff stoppen sollen. Captain Ai muss hier dynamisch, heroisch und Herr der Lage sein.

Captain Ai
ALARMSTUFE ALPHA! KORRIDORE SCHLIESSEN! DIE K’ROELLS SIND AN BORD DES SCHIFFES! SCHICKEN SIE SOFORT DIE SICHERHEITSMANNSCHAFT LOS!

Panel 4: Ai Girl will sich ihrem Captain beweisen, handelt ebenfalls sofort und ist bereits auf dem Weg. Captain Ai ist darüber gleichermaßen erstaunt und erfreut: Er ist stolz auf sein neuestes Crew-Mitglied, hätte aber andererseits nicht damit gerechnet.

Ai Girl
KEINE ZEIT, CAPTAIN! BIN SCHON AUF DEM WEG!

Panel 5: Ai Girl rennt durch die Gänge und trifft auf einen der K’roells, der bereits näher an der Brücke ist, als gedacht. Sie kommuniziert mit dem Captain per Headset.

K’roell
HHHSSSSSS!!!

Ai Girl
VERDAMMT! CAPTAIN! DIE K’ROELLS SIND FAST DA!

Captain Ai (off)
HANDELN SIE, KADETT!

Panel 6: Ai Girl schlägt den K’roell beherzt nieder. Blickrichtung: Nach rechts unten.

Ai Girl
BIS HIERHIN UND NICHT WEITER! UND AUSSERDEM… DU HAST EIN SABBER-PROBLEM, MEIN FREUND!

Erstellen einer Comicseite: Vorbereitungen und Vorzeichnungen

Wir haben nun also unsere Geschichte und unsere Figuren versammelt und müssen nun beides kombinieren und zu einer Comicseite werden lassen. Ich finde es in meiner Arbeit immer praktisch, so schnell wie möglich, visuelle Eindrücke festzuhalten und möglichst so, dass ich sie später auch noch verstehe, weswegen meine Mini-Scribbles, Thumbnails genannt, da sie selten größer sind als ein Daumennagel, meistens wegfallen und ich gleich eine Art Layout-Planung in DIN A5 mache. Aber das ist, wie so oft, Geschmackssache – jeder muss für sich selbst herausfinden, wie man effektiv arbeitet.

Thumbnails © Daniel Gramsch/Aicomic

Scribbles/Thumbnails: Für jede geskriptete Seite wird eine kleine Version angelegt, in der man schon einmal grob die Platzierung der Panels, also das Seitenlayout, plant und auch schon festlegt, welche Figur wo steht, welche Perspektiven eingenommen werden sollen und was überhaupt auf den Bildern passiert. Wie gesagt, viele Zeichner machen dies in winzigen Thumbnails, was den Vorteil hat, sehr schnell zu gehen und trotzdem erkennbar zu sein. Ich selbst mag es etwas deutlicher (auch wenn meine Scribbles meistens nicht viel mehr als Kullerköpfe und Richtungsangaben sind), manche Kollegen sind sogar noch intensiver dabei: J. Scott Campbell („Gen 13“, „Danger Girl“) beispielsweise zeichnet nach seinen Thumbnails seine Seiten komplett in ca. A5, um sie dann digital auf Großformat zu bringen und gleich noch einmal zu zeichnen.

Scribbles © Daniel Gramsch/Aicomic

Vorzeichnungen: Die Scribbles oder Thumbnails werden jetzt auf das eigentliche Zeichenformat übertragen. Wir arbeiten in der Regel auf etwa A3 (amerikanische Comicseiten haben ein anderes Format, weswegen die Arbeitsblätter ein bisschen höher als A3 und etwas schmaler sind), wobei unterschiedliche Endformate (Manga, Comicheft, Album) auch andere Zeichenblätter benötigen können. Ich versuche meistens ein klares Layout beizubehalten und weiche nötigenfalls auch sowohl vom Skript als auch von den Scribbles ab, wenn ich feststelle, dass die Seite in groß einfach anders funktioniert. Es hat sich eingebürgert, die Vorzeichnungen mit einem blauen Buntstift anzufertigen, da dieser nicht oder kaum vom Scanner erkannt wird, wenn man seine Seiten in Graustufen in den Computer bringt. Inkt man über einen Lichttisch, arbeitet man also auf einem neuen Blatt Papier, ist dies einigermaßen unwesentlich, wobei aber die blauen Linien das Auge weniger ablenken, wenn man die Seiten ausarbeitet.

Ausarbeiten einer Comicseite

Man muss beim Übertragen der Thumbnails auf die Seite nicht übertrieben ordentlich arbeiten, Hauptsache, man erkennt seine eigenen Striche noch. Vor allem aber ist dies der Formfindungsprozess, bei dem man immer wieder neu definiert, wie Gesichter, Hände oder andere Elemente der Anatomie funktionieren, wie eine Perspektive eingerichtet wird etc. Sobald man hier sicher ist, geht man dazu über, die Linien zu sortieren und mit der Bleistiftzeichnung festzuhalten.

Diesen Arbeitsschritt, sowie die drei weiteren, werden wir uns in der nächsten Lektion beim Aicomic-Zeichenkurs ansehen, in der es dann auch einige abschließende Bemerkungen und Aussichten auf weitere Themen geben wird.

Bis dahin: Viel Spaß beim Zeichnen!

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