Zeichenkurs, Exkurs 3: Gesichtsausdrücke und Dynamik

In den letzten Lektionen haben wir uns angesehen, wie man den Kopf und den restlichen Körper konstruiert, Proportionen einhält und in welchen Verhältnissen welche Körperteile zueinander stehen. Bevor wir zum nächsten größeren Komplex beim Aicomic-Online-Zeichenkurs kommen, werden wir im dritten Exkurs die Wirkung der verschiedenen Positionierungen der Gesichtsmerkmale begutachten.

Gesichtsausdrücke © Daniel Gramsch/Aicomic

Gesichtsausdrücke sind für uns Comiczeichner lebenswichtig: Durch sie können wir unseren Figuren Leben einhauchen und ihnen einen Charakter geben, der über das bloße Klischee hinausgeht. Je nachdem, wie subtil man die Veränderungen im Gesicht darstellt, kann man die Comicfiguren große Emotionen oder nur kleine Gefühlsregungen durchleben lassen, die Story erweitern oder konterkarieren und Reaktionen bei den Lesern hervorrufen. Oftmals sind es nur geringfügige Änderungen und Kombinationen, die uns als Zeichner dabei helfen, die Charaktere in ihren Emotionen zu beschreiben und den Lesern helfen, diese einzuordnen.

Wesentliches Merkmal bei der Charakterisierung: Gesichtsausdrücke

Abgesehen von der Tatsache, dass es vieler Muskeln für die vielen verschiedenen Gesichtsausdrücke bedarf, richtet sich unser Auge meistens auf drei prägnante Stellen im Gesicht unserer Mitmenschen – die Augen, die Augenbrauen und den Mund. Allein durch die unterschiedliche Platzierung der letzten beiden können wir als Comiczeichner bei der Konstruktion von Kopf und Gesicht einige grundsätzliche Emotionen darstellen:

neutral

besorgt

erfreut/belustigt

traurig

ängstlich

erschrocken

Weitere emotionale Aspekte lassen sich hinzufügen, wenn man auch die Augen größer und kleiner zeichnet, die Pupillen anders platziert und die Mundbewegungen stärker übertreibt oder abschwächt.

konzentriert

verärgert

wütend

verschlossen

schadenfroh

Dabei fällt auch auf, dass Gesichtsausdrücke auch durch das Genre bedingt werden können. So haben sich beispielsweise im Manga bestimmte Merkmale ausgeprägt, um auf sofort erkennbare Weise Emotionen darzustellen. Nur ein Beispiel an dieser Stelle: Die Augen als nach oben gedrehte Halbkreise signalisieren Belustigung oder das etwas der Figur peinlich ist (in Verbindung mit einem Tropfen auf der Stirn oder vertikalen Linien über dem Gesicht).  Im Cartoon werden die Eigenschaften des Gesichts derweil oftmals so stark übertrieben, dass sie nicht mehr natürlich sind, um den Charakter einerseits sofort einordnen zu können und um einen komischen, verfremdenden Effekt zu erzielen: Augen schießen einen halben Meter aus dem Kopf, damit man sieht, dass die Figur erstaunt ist zum Beispiel.

Wechselwirkung: Dynamik der Körperteile

Entspannter Arm © Daniel Gramsch/Aicomic

Ein anderer Aspekt, um Figuren Charakter zu geben, ist die Dynamik der Körperteile. Da wir in einer späteren Lektion auf dynamische Posen und die geschickt gewählte Positionierung aus einer Bewegung und auf dem Bild eingehen werden, soll dies in diesem Exkurs nur im Vorbeiflug geschehen.

Angespannter Arm © Daniel Gramsch/Aicomic

Eine Figur, die die Arme hängen lässt, wirkt schlaff, entspannt, langweilig oder gelangweilt – jedenfalls undynamisch. Eine Figur, mit angespannten Muskeln kann wütend wirken, aufgeregt, brutal, kraftvoll, erregt, schmerzerfüllt und ziemlich dynamisch. Der Unterschied ist auch hier oftmals ein kleiner und liegt, ebenso wie bei den Gesichtsausdrücken, sowohl im Auge des Betrachters als in dem Ermessen des Künstlers. Das Zusammenspiel der einzelnen Körperteile bestimmt, ob wir einen Arm als entspannt oder angespannt werten.

Bein © Daniel Gramsch/Aicomic

Auch bei den Beinen kann dies beobachtet werden: Ob ein angewinkeltes Bein zu einem hockenden  oder einem sprungbereiten (oder gerade aufgekommenen) Menschen gehört, kann nur aus seiner Umgebung bestimmt werden – oder durch den Zusammenhang zum Rest des Körpers, also der Position des anderen Beins, wiederum der Arme, des Oberkörpers und der Haltung des Kopfes (und nicht zuletzt auch des Gesichtsausdrucks).

Bein © Daniel Gramsch/Aicomic

Auch ein gerades Bein kann recht ambivalent sein. Es kann, nur für sich gesehen, einfach einen langen Schritt machen, aber auch ausgestreckt auf dem Boden liegen – wenn man den Untergrund und das andere Bein nicht sieht, fällt die Entscheidung schwer.

Hilfreich sind für so etwas auch Licht- und Schattenverhältnisse sowie Zugfalten der Kleidung, zu denen wir demnächst kommen werden. Ein ganz wesentliches Merkmal für die Bestimmung der Bewegung ist aber auch die perspektivische Verkürzung, die uns schon ein paar Mal begegnet ist (zum Beispiel bei dem hockenden Bein oben) und mit der wir nicht nur viel im Comic arbeiten, sondern mit der wir uns auch in der nächsten Lektion beim Aicomic – Zeichenkurs beschäftigen werden.

Viel Spaß beim Zeichnen!

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